Riemann, Dietmar: Karl Spieß. 1891–1945 (Vorzugsausgabe)

PDFDrucken

Verkaufspreis120,00 €

Beschreibung

Dietmar Riemann (Hg.)
Karl Spieß. 1891–1945
Ein sächsischer Lichtbildner und seine Fotografien
A Saxon Light Artist and His Photographs

dt./engl., 116 S., geb., 270 × 270 mm, s/w-Abb.
ISBN 978-3-95462-957-2

Erschienen: September 2017


Vorzugsausgabe mit einem signierten Originalabzug nach Wahl

Das Archiv des sächsischen Fotografen Karl Spieß (1891–1945) sollte 1986 auf einer Müllhalde entsorgt werden. Doch das Fotografenehepaar Riemann konnte einen Teil davon retten und schmuggelte die Glasplattennegative in den Westen Deutschlands.
Im vorliegenden Band werden über 100 Bilder vorgestellt. Nur wenige davon stammen aus dem Atelier, die meisten zeigen die Menschen in ihrem alltäglichen Umfeld, mit dem Fahrrad oder mit ihrem zu schlachtenden Vieh, auf dem Postwagen oder auf einem Fabrikschornstein – aus heutiger Sicht Fotografien wie aus einer fremden Welt.

Fotograf

Karl Spieß, geb. am 16. August 1891 in Flemmingen bei Hartha, absolvierte zwischen 1906 und 1909 eine Fotografenlehre im väterlichen Geschäft. Im Ersten Weltkrieg geriet er nach schwerer Verwundung in französische Gefangenschaft, nach zwei Jahren kam er in die Schweiz, wo er seine Meisterprüfung ablegte. 1918 wurde er nach Deutschland repatriiert und übernahm das Atelier seines Vaters. Mit seiner Frau Maria hatte er zwei Söhne. Er starb am 22. November 1945 im sowjetischen Speziallager Jamlitz.

https://www.facebook.com/karlspiessphotographer/
https://www.karlspiess.com/

Herausgeber

Dietmar Riemann, geb. 1950 in Hainichen, studierte an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst Fotografie. Bekannt wurde der Fotograf mit Ausstellungen und Buchveröffentlichungen, u.a. durch den damals aufsehenerregenden Bildband mit Franz Fühmann »Was für eine Insel in was für einem Meer – Leben mit geistig Behinderten«, der 1986, in dem Jahr, als Riemann seinen Ausreiseantrag stellte, erschien.

Pressestimmen

»Diese Fotos erzählen mehr als eine Geschichte.«
Peter Lahr, Rhein-Neckar-Zeitung, 21. April 2018

»Karl Spieß war ein Meister der provinziellen Milieustudie. Mal zeigt er Szenen emsigen Markttreibens, mal Mobiliar einer kleinbürgerlichen Wohnstube, dann wieder ein Schlachtfest oder eine Gruppe von Würdenträgern mit Frack und Zylinder, die sich mit frecher Geste ein Schnäppschen einschenken.«
Ulf Heise, MDR, 24. Januar 2018

»Das Buch präsentiert in prima Druckqualität und in nüchternem Layout einen Querschnitt aus dem Schaffen des Fotografen Spieß«
Thomas Wiegand, kasseler fotobuchblog.de, 11. Oktober 2017

»Das Buch erzählt in schönstem Schwarz-Weiß vom Leben und Arbeiten in der sächsischen Provinz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.«
Birgit Grimm, Sächsische Zeitung, 23/24. September 2017

»Dietmar Riemann weiß, wovon er schreibt.«
Sebastian Fink, Döbelner Allgemeine Zeitung, 20. September 2017

Vorzugsausgabe

Motiv 1




Motiv 2

Interview

Um die Negative zu retten, mussten Sie diese aus der DDR schmuggeln. Wie gingen Sie dabei vor?
Ich hatte einen mir sehr guten Freund in Ost-Berlin, der mit einem West-Berliner Zivilangestellten der US-Streitkräfte bekannt war. Diesen Freund bat ich, dass mir sein »Amerikaner« die Glasplatten-Negative – das war ein schwerer Koffer mit etwa 250 Glasplatten – über die Grenze bringt. Der »Amerikaner« durfte als Angehöriger der US-Streitkräfte laut 4-Mächteabkommen nur von seinen eigenen Leuten kontrolliert werden. Das wusste ich. Und das wusste natürlich auch die Stasi. Aber die Stasi konnte nichts machen. Ich traf mich mit »Amerikaner« heimlich und im Dunklen im Wald und übergab ihm meinen Koffer. Außerdem wollte der »Amerikaner« 100 D-Mark von mir. Er war also kein Gutmensch – und das Westgeld war für mich nur schwer zu beschaffen. Illegal konnte man zu der Zeit, ich denke, dass das vielleicht 1987 war, Ost-Geld gegen Westgeld etwa 10 zu 1 tauschen. Das waren also 1.000 Mark für mich … Der »Amerikaner« brachte dann, nach seinem problemlosen Grenzübertritt, den Koffer zu einem West-Berliner Bekannten von mir und meiner Frau. Ende 1989, nach unserer genehmigten Übersiedlung in die Bundesrepublik, wir hatten fast 4 Jahre um unsere Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR gekämpft, haben wir uns den Koffer abgeholt.

Es ist schon über 30 Jahre her, dass Sie die Bilder fanden. Wo waren diese bis zur Veröffentlichung des Bildbandes im vergangenen Jahr und wieso erschien das Buch erst nach drei Jahrzehnten?
Die »Bilder«, beziehungsweise die Glasplatten-Negative, denn Bilder im eigentlichen Sinn, also Abzüge, gab es ja nicht, befanden sich bei uns zu Hause, im Archiv meiner eigenen Fotoarbeiten. Aber ich wollte mit diesen »Bildern« immer etwas »Sinnvolles« machen. Als ich vor drei Jahren in Rente ging, habe ich den Lebensweg des Fotografen Karl Spieß mühsam und mit Hilfe vieler anderer Personen, auch mit der Hilfe von Archiven recherchiert, denn selbst die nach Kanada geflüchteten Nachkommen des Fotografen wussten nur wenig über ihn. Und dann habe ich das Buch zu den Bildern geschrieben … In Kanada wird das Buch zusammen mit einer Ausstellung von großen, neu ausgedruckten Bildern der geretteten Negative am 14. April in der Stephen Bulger Gallery in Toronto vorgestellt. Und am 6. Mai gibt es dort wieder ein Event. An diesem Tag findet das Scotiabank Contact Photography Festival in der Galerie statt. Hier werden neue Fotobücher aus Kanada, den USA, aus Großbritannien und aus Deutschland vorgestellt und signiert. Auch ich bin mit meinem Spieß-Buch dabei.

Was bewegt Sie an den Arbeiten von Karl Spieß besonders?
Viele der Bilder von Karl Spieß erinnern mich an Fotografien des großen deutschen Fotografen August Sander. Es gibt von Karl Spieß tatsächlich Bilder, die von diesem deutschen Fotografiegiganten sein könnten. Das hat mich immer sehr beeindruckt – obwohl ich natürlich weiß, das August Sander und Karl Spieß nicht wirklich zu vergleichen sind … Aber Karl Spieß lässt in seinen wohlüberlegt komponierten Fotografien das Leben der 20er und 30er Jahre in einer sächsischen Kleinstadt auferstehen. Das ist heute faszinierend … Außerdem hat mich der schreckliche und im Osten Deutschlands immer verheimlichte Tod des Fotografen in einem sowjetischen Internierungslager ohne jeden Rechtsbeistand extrem beeindruckt. Darüber durften wir im Osten Deutschlands überhaupt erst nach dem Fall der Grenze reden … Nach meinem Fotografiestudium in Leipzig, genauer gesagt etwa 1984, habe auch ich noch einmal wie Karl Spieß fotografiert, in der gleichen fotografischen Herangehensweise. Ich habe Menschen in einem Dorf oberhalb der Kleinstadt Hartha über längere Zeit gesprochen und fotografiert, denn hier hatte auch Karl Spieß schon gearbeitet.