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Thürk, Harry: Sommer der toten Träume

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Verkaufspreis12,90 €

Harry Thürk
Sommer der toten Träume
Roman

7. Aufl. 2013
352 S., Br., 125 x 200 mm
ISBN 978-3-89812-241-2

 

Drei junge Soldaten und ein Zigeunermädchen erleben das Kriegsende in Oberschlesien – doch der Schrecken hat immer noch kein Ende

Kriegsende 1945; die drei jungen Soldaten Oswald, Jakob und Kurt sind auf dem Weg nach Hause in ihre Heimat Oberschlesien. Unterwegs treffen sie auf das Zigeunermädchen Alina – noch ohne wirkliches Ziel, gerade der Hölle von Auschwitz entronnen. Schon bald müssen die vier erkennen, dass sie keine Heimat mehr haben.


Harry Thürk (1927–2005), geb. in Zülz (heute Biala/Polen), Besuch der Real- und Handelsschule in Neustadt/Schlesien, 1944/45 Wehrdienst, nach dem Krieg Rückkehr nach Neustadt, Internierung in einem Durchgangsghetto für Deutsche, von dort Flucht nach Ostdeutschland. In der DDR Arbeit als Reporter (u. a. Auslandskorrespondent in Korea, China, Vietnam, Laos, Kambodscha), was sich in seiner literarischen Arbeit niederschlug, seit 1958 freier Autor in Weimar. Seine Bücher wurden in polnische, tschechische, slowakische, ungarische, rumänische, russische, finnische, litauische, vietnamesische und spanische Sprache übersetzt.


»Die Leser der vielen Romane von Harry Thürk wissen, dass er eine flotte Feder führt und fantastisch zu erzählen versteht. Wie er das vorliegende Thema behandelt hat, wie er die Gefühle der Leser nicht schont, sondern sie nacherleben lässt, was damals geschah, dass einem noch 60 Jahre danach die Haare zu Berge stehen, zeugt davon: Hier hat einer mit Kenntnissen geschrieben, die wahrlich authentisch sind.«
Neues Deutschland

»Thürks vielleicht bester Roman.«
Dresdner Morgenpost


Aus dem Boden stieg der warme Geruch von Tannennadeln und Moos. Es war Ende Mai. Die Sonne stach bereits. Der Winter war hart gewesen, und es schien sich nun die Regel zu bestätigen, daß einer strengen Frostperiode ein angenehmer Frühling zu folgen pflegt.
Oswald Hirschke wachte davon auf, daß ihm ein Käfer ins Nasenloch krabbelte. Er fuhr hoch, blies die Nase frei und sah sich um. Neben ihm hätte Jakob Latta liegen sollen, ebenso wie er in zusammengesuchte, ziemlich zerlumpte Zivilsachen gekleidet, einen abgewetzten Plüschhut als Kissen unter dem Kopf. Der Hut, so hatte Hirschke erst vor Tagen gesagt, sah aus, als habe ihn eine NSV-Tante getragen, wenn sie mit der Sammelbüchse auf der Straße stand. Aber es mußte dabei fortwährend geregnet haben. Gehagelt sogar, nach dem Hut zu urteilen. Und die Dame habe wohl dann den Fehler gemacht, das Ding auf dem Ofen zu trocknen.
Wo war Latta? Hirschke erhob sich vorsichtig, nach allen Seiten blickend. Da war das Gestrüpp zwischen den Zweigen der noch jungen niedrigen Fichten, nicht saftig grün, aber auch nicht mehr winterdürr. Und da war, an eine der kleinen Fichten gelehnt, so daß die Zweige ihn versteckten, Jakob Latta.
Er starrte auf die kleine Lichtung hinaus, die hinter der Fichtenschonung begann, mißtrauisch, nicht ängstlich. Als er jetzt hinter sich Hirschke hörte, machte er ihm ein Zeichen, leise zu sein. Er wartete, bis der Freund bei ihm war, dann flüsterte er ihm zu: »Da drüben ist eine Nonne.«
»Eine was?«
»Nonne. So was aus dem Kloster. Im vollen Ornat.«
»Was macht die?«
»Pißt an einen Baum.«
»Interessant«, flüsterte Hirschke zurück, »wie hält sie den Arsch dabei?«
»Guck sie dir an, sie kann uns nicht sehen«, forderte Latta ihn auf.
Hirschke erhob sich ein wenig, bis er über die kleinen Fichten hinweg blicken konnte. Und da war tatsächlich die Nonne! Schwarzbrauner Talar. Weiße Gesichtsblende. Haube. Zwei Schritt von einer Buche entfernt. Zwischen ihrem Unterleib und dem Stamm ein kräftiger Urinstrahl.
Hirschke fand das unglaublich. Er schloß die Augen, öffnete sie wieder, aber das Bild blieb. Mit seinen achtzehn Jahren hatte Hirschke schon so manches gesehen, aber dies hier schien den Rahmen seiner Lebenserfahrung zu sprengen, soweit sie Frauen betraf. Und Nonnen waren ja auch Frauen.

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