Jork, R./Knoblauch, G. (Hg.): Zwischen Humor und Repression – Studieren in der DDR

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Verkaufspreis19,95 €
Produkt Verfügbarkeitsdatum: 08.08.2017

Beschreibung

Rainer Jork und Günter Knoblauch (Hg.)
Zwischen Humor und Repression – Studieren in der DDR
Zeitzeugen erzählen

552 S., Br., 165 × 240 mm, s/w-Abb.
ISBN 978-3-95462-897-1

ET: August 2017


Was bedeutet Studieren in einer Diktatur?

Studieren in der DDR bedeutete auch, sich immer wieder den gesellschaftlichen, politisch-ideologischen Zwängen zu stellen. Die Erlebnisberichte von über 70 ehemaligen Studentinnen und Studenten verdeutlichen, wie unter der Diktatur einer Partei mit ihrem Sicherheitsapparat, der Stasi, Lebensläufe wesentlich geprägt, geformt oder gar gebrochen wurden. Zwischen Humor und Verweigerung, Anpassung und Empörung gestalteten sich innere und äußere Fluchtbewegungen.
Die primär von Studierenden an der TH bzw. TU Dresden aufgezeichneten Erinnerungen regen nicht nur dazu an, sich mit diesem Teil der ostdeutschen Geschichte zu beschäftigen, sondern auch dazu, die heutigen Studienbedingungen mit ebenso wachem Blick zu betrachten. Erlebnisberichte von Hochschulen in Berlin, Jena, Halle, Weimar, Freiberg, Mühlhausen, Karl-Marx-Stadt und Erfurt lassen teilweise deutliche Unterschiede in der Studienorganisation und parteiideologischen Implementierung des behandelten Zeitraums erkennen.
Didaktische und organisatorische Hinweise sowie Erklärungen zu historischen Bezügen und Zeitdokumente erleichtern nicht nur die zeitliche und politische Einordnung der Zeitzeugenberichte, sondern auch das Textverständnis im engeren Sinne.

Herausgeber

Rainer Jork, geb. 1940 in Dresden, Studium Maschinenbau/Regelungstechnik an TH/TU Dresden, 1964 Dipl.-Ingenieur. 1964–1984 im VEB Reglerwerk Dresden, Promotion zum Dr.-Ing. an der TH Ilmenau, 1984–1990 Dozent an der Ingenieurschule für Kraft- und Arbeitsmaschinenbau Meißen, 1990–2002 MdB.

Günter Knoblauch, geb. 1940 in Aue, 1959–1962 ABF, anschließend TU Dresden, 1966 Verhaftung durch das MfS, 1966–1968 Haft in Dresden/Bautzen I; Fernstudent 1968–1970 an der TU Dresden, 1970 Diplom; 1971 Aberkennung des Diploms, Flucht in die Bundesrepublik, ab 1971 Siemens AG München; seit 2007 mit Themen zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit engagiert

Leseprobe

Warum wollte ich eigentlich studieren?

Dipl.-Päd. Lutz Rathenow (Friedrich-Schiller-Universität Jena, Studienjahrgang 1973–1977, Fachbereich Deutsch/Geschichte, 1977 Exmatrikulation ohne Abschluss)

Meine Mutter wurde einmal von zwei Männern besucht und sprach mit ihnen allein im Wohnzimmer. Ich versuchte an der Tür zu horchen, es ging um den Nachbarn, ich verstand nichts Genaues. Das Gespräch war kurz. Als die Leute rausgingen, holte meine Mutter einen feuchten Lappen und wischte die Stühle gründlich ab: »Der Dreck, den die Stasi reinschleppt, muss weggemacht werden.« Das Säubern als Gegenwehr gegen die Permanenz politischer Kontrolle.

So lernte ich nebenbei und eindrücklich, dass das MfS eine schmutzige Sache sei. Noch beim Abendbrot schimpfte sie auf die Männer und erklärte meinem Vater, dass sie denen nur Gutes über die Nachbarn gesagt hätte – die erste Lektion in puncto Staatssicherheit noch vor der Schule.

Meine Mutter blieb wütend auf die Männer, aber auch auf sich selbst und den Staat, der es ihr mit Rücksicht auf die Arbeit des Mannes (Direktor Stadtverkehr Jena) nicht erlaubte, einfach »Ich rede nicht mit Ihnen!« zu sagen. Dachte und glaubte sie und schimpfte dennoch, um ihre Scham wegzuschimpfen, überhaupt mit ihnen gesprochen zu haben.

Als das MfS das nächste Mal in die Wohnung in Jena-­Ost kam, da war ich Student an der FSU Jena und es waren fünf oder sechs Mitarbeiter, es ging um eine Hausdurchsuchung und meine Festnahme, ein dreißigstündiges Verhör und zwei weitere danach. »Sie sitzen im Zug der Republik im letzten Wagen, bei der nächsten Biegung werden Sie abgehängt.« – Jeder ihrer Sätze kappte einen der Fäden, die mich noch unsichtbar mit dieser Republik verbanden. »Wir untersagen Ihnen, weiterhin doppeldeutige Gedichte zu schreiben. Auch keine dreideutigen. Wir haben Experten, die alles entschlüsseln.« Ich lächelte in mich hinein und hatte Angst.