Barck, Simone/Lokatis, Siegfried: Zensurspiele

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Verkaufspreis20,00 €

Beschreibung

Simone Barck/Siegfried Lokatis
Zensurspiele
Heimliche Literaturgeschichten aus der DDR
Mit weiteren Beiträgen von Günter Agde, Josie McLellan, Gerald Noack, Igor J. Poliansky, Hedwig Richter und Michael Westdickenberg

296 S., geb., mit 15 Abb.
ISBN 978-3-89812-539-0

 

Amüsante und informative Kolumnen aus der »Berliner Zeitung« über die als »Druckgenehmigungsverfahren« umschriebene Zensur in der DDR

Endlich sind sie in einem Sammelband verfügbar: die beliebten Kolumnen, die unter dem Titel »Zensurspiele« in der »Berliner Zeitung« auf amüsant-pointierte Weise Wissenswertes und Kurioses aus dem Archivalltag der Germanistin Simone Barck und des Verlagshistorikers Siegfried Lokatis zu Tage förderten.
Sie handeln allesamt von der Zensur – im offiziellen Sprachgebrauch der DDR: »Druckgenehmigungsverfahren«. Die großen Namen der DDR-Literatur, politische Direktiven und Skandale sind dabei jedoch nur ein Teil des Bildes. Genauso spannend und oft sonderbar zu lesen sind die Vorgänge um die breiten übrigen Bereiche des DDR-Literaturbetriebs, denn auch bei Kinderbüchern, Fachliteratur zur Rinderbesamung oder in der Kalender- und Landkartenproduktion galt es tagtäglich, brisante Klippen zu umschiffen – nicht nur für Verleger, Autoren, Illustratoren und Lektoren, sondern auch für Zollbeamte und Bücherschmuggler.
Die »Zensurspiele« bieten in ihrer Gesamtheit viel mehr als nur schlaglichtartige Blicke auf den Zensuralltag: Sie bilden eine Art geheime Literaturgeschichte des einstigen »Leselandes« DDR, die sich durch die brillant geschriebenen Texte ebenso unterhaltsam wie eindrücklich erschließt.

Autoren

Simone Barck (1944–2007), Studium der Germanistik und Slawistik, Dr. sc., 1970–1991 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Mitarbeiterin am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Veröffentlichungen u. a. zur Literatur der Weimarer Republik und des Exils.

Siegfried Lokatis, geb. 1956, Studium der Geschichte, Archäologie und Philosophie in Bochum und Pisa, Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam; Veröffentlichungen u. a. zur Verlagsgeschichte des »Dritten Reichs« und der DDR. Seit 2006 Professor am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig.

Gemeinsame Veröffentlichungen u. a. »Zwischen ›Mosaik‹ und ›Einheit‹. Zeitschriften in der DDR« (1999); »Fenster zur Welt. Die Geschichte des DDR-Verlages Volk & Welt« (2003).

Pressestimmen

»Fast schon eine geheime Literaturgeschichte des untergegangenen ›Leselandes‹: grotesk, absurd und komisch.«
FOCUS, Nr. 14/2008, 31. März 2008

»Wer zum Rotstift griff, war öffentlich unbekannt. Zu Unrecht, denn die Zensoren waren ja eigentlich Schriftsteller zweiten Grades, die eine genaue Vorstellung von dem hatten, wohin das Werk zu laufen hatte. Diese Leerstelle wird nun durch das Buch Zensurspiele geschlossen. In Gestalt eingängiger Feuilletons liefert es über 90 Fallbeispiele aus der Zensurpraxis. Entstanden ist solcherart eines der erhellendsten und anregendsten Bücher über das innere Betriebssystem der DDR-Literatur.«
Mitteldeutsche Zeitung, 1. April 2008

»Zensur als Spiel aufzufassen, lenkt den Blick auf Kuriositäten und auf anekdotisch verwertbare Geschichten. Nicht die großen Namen und Zensurfälle – Kunert, Huchel, Kunze – stehen im Mittelpunkt, sondern Alltagsmaterial bis hin zu Wanderführern, Jahreskalendern, Fachbüchern zu Rinderbesamung und Artikeln aus der Sowjet-Enzyklopädie. Der Ernst der ideologischen Bevormundung und ihre vernichtende Gewalt wurden ja schon häufiger beschrieben. Zensurspiele geht das Thema lockerer und mit erzählerischer Freude an. Das ist kein Nachteil. Es weitet die Vorstellung von Zensur, die in der DDR die hoffnungsvollere Bezeichnung ›Druckgenehmigungsverfahren‹ erhielt. Eine lehrreiche, inoffizielle Literaturgeschichte.«
Süddeutsche Zeitung, 9. Juli 2008

»Das Buch nimmt die ›Hürde‹ Zensur mit erstaunlicher Bravour und mit Leichtigkeit. In sehr lesenswert geschriebenen Texten ist den Autoren eine kurzweilige Geschichte der Zensur in der DDR gelungen. Trotz der enormen Faktenfülle liest sich das Buch spannend und es ist äußerst kurzweilig, denn so ernst, wie die Zensur war, so kurios war sie oftmals auch.«
Deutschlandradio Kultur, 15. August 2008

»Man sollte nicht glauben, dass es so viel Spaß machen könnte, über Zensur in einer Diktatur unterrichtet zu werden. Das Beste an diesem Buch ist, dass es nicht nur klüger, sondern auch heiter machen kann, wenngleich nicht unbedingt froh. Es serviert, sozusagen, Lachen mit Kopfschütteln.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. März 2009

»Die DDR war grau und bunt – vielleicht steckt in einer solchen Arbeitshypothese die paradoxe Wahrheit, die Barck und Lokatis beim Studium der Akten aus diversen Archiven bestätigt sahen. Die Ausgabe profitiert davon, dass die Verfasser sich nicht auf die belletristischen Spitzenwerke konzentrierten, die häufig im Zentrum der der Aufmerksamkeit stehen. Wer die von unterschiedlichen administrativen Seiten vorgebrachten Einwände gegen Kalender und Krimis, gegen Lehrbücher für Kellner, gegen Fachliteratur für Rinderbesamer und Pferdezüchter, gegen Ratgeber für Angler und Kleingärtner und gegen Reise- und Wanderführer zitiert und kommentiert, hat viel Stoff für Kuriosa. Wer den Titel Zensurspiele zu harmlos findet, sollte bedenken, dass es Spiele voller Gefahren und Risiken und mit ganz ungleichen Partnern gibt.«
Deutschland Archiv Nr. 4/2010

Leseprobe

Siegfried Lokatis: Literarisches Quintett
Das Schicksal eines Manuskripts im Druckgenehmigungsverfahren hing weitgehend davon ab, an welchen Gutachter es geriet. Wer die Druckgenehmigungsakten der 50er- und frühen 60er-Jahre von A bis Z durcharbeitet, wird meist auf dieselben Namen stoßen: Christfried Coler, Paul Friedländer, Arno Hausmann, Erich Schreier und Carola Gärtner-Scholle. Kaum jemand kennt diese Namen; die Anonymität ihrer gefürchteten Außengutachter war ein Arbeitsprinzip der Hauptverwaltung. Und doch prägten, ja züchteten sie als deren geheime Fürsten die frühe DDR-Literatur, jeder Einzelne von ihnen auf diskrete Weise kaum weniger einflussreich als etwa ein Johannes R. Becher oder der Deutsche Schriftstellerverband.
Allein Paul Friedländer (»Der Autor kann vom Leser nicht verlangen, ihm in seine Gedankenwirrnis zu folgen …«) entschied Monat für Monat über das Schicksal von 14 Manuskripten. Seine Stellungnahmen waren selten länger als drei Seiten, aber die Abschussquote konnte sich sehen lassen. Im Frühjahr 1958 befanden sich darunter beispielsweise so prominente Opfer wie Rolf Schneider, der Nobelpreisträger Rabindranath Tagore, Victor Klemperer, Voltaire und der Roman »Ich, Claudius, Kaiser und Gott«. Die vielen Giftmorde der römischen Kaiserzeit drängten dem Leser »falsche Verallgemeinerungen auf«. Mit Arno Hausmann (»Meines Erachtens ist es eine Papierverschwendung, so etwas heute zu drucken …«) war auch nicht zu spaßen. Sein Urteil war knapp – manchmal brauchte er nicht einmal eine Seite –, messerscharf und entschieden. Erzgebirgsromane verspottete er als »Nullpunktliteratur« und Heinrich Böll strich er zwei Erzählungen. Er verhinderte Pratolini, und dass für Koeppen Valuta geopfert wurden. Seine Spezialität war jedoch der »pazifistische« Tucholsky, dem er diverse Streichungen und Nachbemerkungen verordnen ließ.
Den toleranten Gegenpol bildete Christfried Coler. Der Ziehvater des historischen Romans in der DDR litt auffällig unter Selbstzweifeln. Er entschuldigte sich nach einer Ablehnung beim Verlag und wünschte sich »bis zu einem gewissen Grade auch in den Augen des Verfassers zu legitimieren«. Einen Verriss begann er mit den Worten: »Lektoren oder Gutachter sind im Allgemeinen nicht beliebt. Sie stehen bei den Autoren meist in dem Verdacht, alles besser wissen zu wollen – auch wenn sie nur helfen wollen.«
Erich Schreier (»Die Wirrheit der Geschehnisse der damaligen Zeit legitimiert keinen Autor der heutigen Zeit, dieselben noch verwirrender für das Geschichtsbild episch zu verarbeiten …«) war der dienstälteste Zensor der Partei: 1959 empörte er sich, dass in die »Nachgelassene Lyrik« Erich Weinerts eine Versstrophe hineingeschmuggelt war, die er 1923 (!) verboten hatte. Eine wandelnde Enzyklopädie, beurteilte Schreier Gedichte, B. Traven, KZ-Literatur und die Satiren Sostschenkos: »Die vorliegende Auswahl ist keineswegs zu billigen«, nörgelte er über den »Verborgten Ehemann« des Letzteren. Er mache »sich zum Sprachrohr fast ausschließlich mehr oder weniger obskuranter Negativismen, die, satirisch auffrisiert, meistens an krampfiger Verzerrung leiden. Von den Skizzen müssen 21 als negativ, 13 neutral, 6 positiv, 1 als feindlich bezeichnet werden. 2 liegen in der Schwebe zwischen neutral und sehr flach.« Die anderen Gutachter der Hauptverwaltung benutzten die Schreibmaschine, doch Schreiers Stellungnahmen erkennt man auf den ersten Blick an der gestochenen und schwungvollen Handschrift: Der ehemalige Bildhauer stützte seine im KZ zerfolterten Arme mit einer Schlinge.
»Soll denn aber nicht jeder Autor in der DDR nach seiner Fasson schreiben dürfen?! Durchaus, sofern er uns etwas zu sagen hat«, fand Carola Gärtner-Scholle, wenn sie jemanden an der »Überführung in die Literatur« hinderte. Sie rückte mit den Jahren in die Position einer respektvoll bespöttelten Ur-Wala ein, der die Manuskripte wie zu einem Orakel per Kurier in die Wohnung gebracht wurden. Einmal erklärt sie ein Buch, das niemand unbezahlt durchackern würde, zum »probaten Schlafmittel«. Bei guter Laune verfasste sie sprühende kleine Kunstwerke. Und über Stanislaw Lems »Tagebuch aus dem Weltraum« geriet sie ins Schwärmen: »Ich denke, Lenin würde denkbar große Auflagen empfohlen haben.«